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Krisen-PR: Hochtief will Mauer an US-Grenze bauen
  • Jörg Forthmann
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  • Code of Conduct . Compliance . Hochtief .

Transatlantische Verstimmung: Hochtief macht sich beim US-Präsidenten beliebt – auf Kosten des Images zu Hause

Update: Hochtief dementiert Mauer-Pläne

Der Essener Baukonzern Hochtief will lukrative Aufträge in den USA an Land ziehen. Gerne auch den Auftrag für den Bau einer riesigen Mauer entlang der mexikanischen Grenze. Das sind unverhohlene Liebesschwüre an die Trump-Administration in Washington. In Deutschland kommt das überhaupt nicht gut an.

„Wir sind offen für alles“, sagte Konzernchef Marcelino Fernandez Verdes während der jüngsten Bilanzpressekonferenz auf die Frage eines Journalisten, ob sich Hochtief auch an einer US-Ausschreibung für eine neue Grenzanlage an der mexikanischen Grenze beteiligen würde. Das sind klare Worte. Und sie sind an die Trump-Administration gerichtet: Wir stehen bereit!

Trump hält ein milliardenschweres Füllhorn für Baukonzerne parat. Er will viel Geld in die Infrastruktur stecken. Die amerikanischen Hochtief-Töchter Flatiron und Turner wollen sich in diesem Jahr an Ausschreibungen in Höhe von 65 Milliarden US-Dollar beteiligen. Und es könnte noch mehr werden.

Krisen-PR: Sollte ein deutsches Unternehmen eine Mauer bauen?

Da mag man sich offensichtlich nicht von Trump-Skepsis in Deutschland bremsen lassen – einem Land, das die Folgen des Mauerbaus zwischen zwei Ländern schmerzlich erlebt hat. Immerhin wird schon mehr als jeder zweite Euro in Übersee umgesetzt.

Spiegel.de hat unter seinen Lesern abgefragt, ob sie es gut finden, wenn ein deutscher Konzern eine Grenzmauer baut. Das Ergebnis nach mehr als 60.000 abgegebenen Stimmen:

  • 56,90 Prozent finden das „moralisch verwerflich“
  • 19,95 Prozent finden das „problematisch“. „Aber so ist nun mal die Welt“
  • Nur 23,16 Prozent sagen, das ist in Ordnung, denn „letztlich ist es nur ein Auftrag wie jeder andere auch.“

Rückhalt in der deutschen Öffentlichkeit sieht anders aus. Hochtief sitzt zwischen den Stühlen: In den USA ist die Zustimmung zur Mauer an der mexikanischen Grenze groß. In Deutschland kommt die grundsätzliche Frage auf, ob ein deutscher Konzern sich tatsächlich für derartige Bauprojekte verwenden sollte. Wo ist die moralische Grenze, ab der verantwortungsvolle Unternehmen keine Aufträge annehmen sollten?

Hochtief & Co. benötigen Leitlinien für moralisch akzeptable Aufträge

Diese Frage lässt sich nicht im Einzelfall verlässlich beantworten. Dafür benötigen Unternehmen grundsätzliche Leitlinien, die zwischen Gut und Böse trennen. Hochtief hat zum Beispiel einen „Code of Conduct“, wo es unter anderem heißt:

„Grundsätze zur sozialen Verantwortung: Achtung der Menschenwürde, Ablehnung von Kinderarbeit, Ablehnung von Zwangsarbeit, Chancengleichheit und Verbot der Diskriminierung, Vereinigungsrecht und Recht zu Kollektivverhandlungen.“

Das ist schon mal ein guter Anfang. Leider greift diese Regelung beim Bau einer Grenzmauer nicht. Auch die anderen Code-of-Conduct-Regeln der Essener passen in dieser Frage nicht. Es fehlen Antworten auf Fragen wie: Für wen baut man? Für wen keinesfalls? Sind nur Bauten in demokratischen Ländern mit solidem westlichen Werteverständnis erlaubt? Was baut man, was nicht? Gefängnisse mit Todeszellen? Staudämme mit einschneidenden Auswirkungen auf die Umwelt? Hochtief versucht, sich in diesem Punkt United Nations Global Compact zurückzuziehen und weicht unangenehmen Fragen aus.

Es fehlt die Legitimierung der Öffentlichkeit, und damit wird Hochtief immer wieder anfeindbar sein. Nun könnte Hochtief einen Meinungsfindungsprozess mit der Öffentlichkeit, wichtigen Multiplikatoren und Vordenkern starten und auf diesem Weg Leitlinien herauskristallisieren, was noch „gut“ ist. Das wäre extrem umständlich. Leichter ist die Zusammenarbeit mit unabhängigen Institutionen, die helfen, verbindliche Leitplanken zu formulieren. Dies könnten zum Beispiel NGOs, Wissenschaftler oder ehemalige Verfassungsrichter sein.

So hätte Hochtief die Chance, sich auf das Urteil von Dritten berufen zu können. Das klingt nach einer leichten Pflichtübung. Tatsächlich könnten derart formulierte Leitlinien einschneidende Auswirkungen haben, denn über kurz oder lang kommt es zwangsläufig zu der unangenehmen Frage, ob der Konzern jetzt tatsächlich auf attraktives Geschäft verzichtet. Die Umkehrfrage dazu lautet: Ist es uns egal, wenn unsere Reputation den Bach runtergeht? Das könnte Hochtief kurzfristig bejahen. Mittel- und langfristig schadet sich der Baukonzern jedoch selbst. Banken, Energieversorger und Automobilhersteller können davon leidvoll berichten.

Hochtief ist übrigens nicht allein. Auch der Chef von Heidelberg Cement, Bernd Scheifele, wird mit der Aussage zitiert, ein Mauerbau bedeute Absatzchancen für den Baustoffhersteller.

Jörg Forthmann

Update: Zwei Tage später dementiert Hochtief seine Pläne, sich an einer US-Ausschreibung für eine Mauer an der mexikanischen Grenze beteiligen zu wollen. n-tv schreibt dazu:

Nach eigenen Angaben erwägt der Baukonzern Hochtief keine Bewerbung für den Bau einer Mauer zwischen den USA und Mexiko. Hochtief und seine amerikanischen Tochterunternehmen verfolgten keine solchen Pläne, wie der Konzern klarstellte.

Hochtief-Chef Marcelino Fernandez Verdes hatte bei der Bilanzvorlage in Düsseldorf eine Beteiligung an dem von US-Präsident Donald Trump angekündigten Bau einer Mauer an der Grenze zu Mexiko nicht ausgeschlossen. Hochtief sprach nun von „Spekulationen“ in Medien, der Konzern könne sich um den Bau einer Mauer zwischen den USA und Mexiko bewerben.

Hochtief habe sich auf der Bilanzpressekonferenz nicht über den Bau einer Mauer zwischen den USA und Mexiko geäußert. „Wir haben ausgeführt, dass sich zwei amerikanische Tochterunternehmen von Hochtief in diesem Markt bewegen. Diese Unternehmen entscheiden von Fall zu Fall, ob sie sich um einen Auftrag bewerben oder nicht.“ Die Töchter Turner und Flatiron arbeiteten in anderen Marktsegmenten.

 

 

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