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Krisen-PR: Verräter bei Volkswagen gesucht
  • Jörg Forthmann
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  • Dieselgate . Volkswagen . VW . Whistleblower .

Dieselgate-Klägeranwälte fordern VW-Mitarbeiter auf, Firmeninterna zu verraten

Die Dieselgate-Klägeranwälte schrecken auch vor der Aufforderung zum Verrat nicht zurück. Unter www.VW-Verhandlung.de fordern sie VW-Mitarbeiter auf, kompromittierende Firmenunterlagen bereitzustellen. So sollen die Klagen geschädigter VW-Kunden befeuert werden. VW-Mitarbeiter sollten sich vor dieser Offerte jedoch hüten. Lesen Sie hier warum.

Im Dieselgate-Skandal wird mit harten Bandagen gekämpft. Die Rechts­anwalts­kanzleien baum, reiter & collegen aus Düsseldorf und Gansel Rechtsanwälte aus Berlin fordern jetzt unverblümt alle zum Verrat auf, die über belastendes Material verfügen:

„Wenn Sie über Informationen verfügen und der Meinung sind, dass diese Informationen die rechtliche Durchsetzung der berechtigten Ansprüche von VW-Fahrern unterstützen sollten, können Sie uns diese Informationen (z.B. interne Unterlagen und Dokumente) hier übermitteln.“

Für Volkswagen kann diese Initiative zum Problem werden. Umso mehr Interna den gegnerischen Anwälten vorliegen, desto schwieriger wird die Verteidigung vor Gericht. Dabei geht es im Zweifelsfall um Milliardenentschädigungen, die für geschädigte Dieselfahrer in Europa von Volkswagen gefordert werden.

Dass die Anwälte nicht nur die juristische Klaviatur beherrschen, sondern auch die kommunikative, zeigt diese Zusicherung der Anwälte:

„Eingereichte Unterlagen werden von uns absolut vertraulich behandelt. Soweit wir von Ihnen keine anderslautenden Anweisungen erhalten, entscheiden wir nach gründlicher Sichtung der Informationen, ob eine Nutzung in öffentlichen Klageverfahren und/oder eine vertrauliche Weiterleitung an die Presse zweckmäßig sind.“

Und in der Tat. Zumindest für die Eigen-PR verweisen die Juristen selbstbewusst auf ihre Bekanntheit aus der Berichterstattung in ARD; Handelsblatt, ZDF und Welt.

Tatsächlich ist der öffentliche Druck auf VW ein beliebtes Mittel, die Wolfsburger doch noch zu einem großzügigen außergerichtlichen Vergleich zu drängen. Unter Marktforschern gilt die Erkenntnis: Je länger ein Skandal anhält, desto tiefgreifender wirkt er sich auf das Image aus. Genau an diesem Punkt setzen die Opferanwälte an.

Dabei lassen sie es allerdings an Ehrlichkeit vermissen. Während sie diensteifrig die Informanten in Sicherheit wiegen, dass die zugesteckten Firmeninterna vertraulich behandelt werden, lassen sie jeden Hinweis auf das Risiko für die Denunzianten weg. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Verrat nicht um „Whistleblowing“, bei dem Mitarbeiter aus Verzweiflung über die fehlende Aufarbeitung im Betrieb einen Missstand öffentlich machen und so – quasi als letzte Möglichkeit – ihren Arbeitgeber zur Besserung zwingen.

Bei dem „öffentlichen Briefkasten“ der Dieselgate-Anwälte geht es schlicht um den Verrat von Betriebsinterna oder sogar von Betriebsgeheimnissen. Wer das tut, riskiert die fristlose Kündigung. Auf die Zusicherung der Anonymität sollten sich potenzielle Informanten nicht verlassen: Im Zweifelsfall werden die bereitgestellten Unterlagen vor Gericht vorgelegt – und so für VW sichtbar.

Die Anwälte scheinen derartige Befürchtungen zu erahnen und bieten deshalb ein „Persönliches Gespräch mit Gerhart Baum, Bundesminister a.D.“ an:

„Gerne bieten wir Ihnen an, mit Herrn Rechtsanwalt Gerhart Baum, Bundesminister a.D. vertraulich ein persönliches Gespräch zu führen.“

Offensichtlich soll der Hinweis auf den „Bundesminister a.D.“ die Hemmschwelle für den Verrat senken.

Whistleblower-Briefkasten soll wahrscheinlich nur andere Quellen vernebeln

Wahrscheinlich geht es für die diensteifrigen Anwälte ohnehin eher darum, ein Drohszenario gegenüber VW aufzubauen. Erfahrungsgemäß ist die Resonanz auf derartige Whistleblower-Briefkästen gering, und wenn Einsendungen eintreffen, sind sie in der Mehrzahl nutzlos. Wesentlich effizienter ist es für Klägeranwälte, systematisch Mitarbeiterabgänge zu monitoren und diese Ex-Mitarbeiter auf belastende Informationen anzusprechen. Leider ist dabei die Gefahr hoch, dass auch VW von diesen Recherchen erfährt. Der Kreis potenzieller Verräter ist recht klein und die Gefahr groß, dass bestimmte Unterlagen einem Ex-Mitarbeiter zugeordnet werden können. Diese Gefahr hebeln die Anwälte mit dem Whistleblower-Briefkasten aus. Nun ist quasi jeder Mitarbeiter ein potenzieller Verräter.

Die VW-Kommunikatoren müssen unterdessen mit weiteren „Enthüllungen“ rechnen. Ihre Gegner sammeln weiter Munition und gerieren sich dabei als Kämpfer für den geschädigten VW-Kunden. Darin wird die große Schwäche der VW-Kommunikation sichtbar: Der Autobauer hat die strategisch entscheidende Position – wer kämpft für den geschädigten Kunden? – schon in den ersten Tagen des Dieselgate-Skandals verloren. Das rächt sich jetzt.

Jörg Forthmann

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