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Whistleblower: Auch wenn Vorwürfe wie Scheiße am Schuh kleben…
  • Jörg Forthmann
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  • Bankaufsicht . Denunziant . Finanzaufsicht . Whistleblower .

…gehe nicht den zugehörigen Hund suchen

Barclays-Chef Jes Staley engagiert amerikanische Ermittler, um einen Whistleblower aus dem eigenen Haus zu enttarnen. Jetzt wird ihm der millionenschwere Bonus gekürzt, und die Bankaufsicht ermittelt gegen ihn. Warum das Enttarnen von Whistleblowern eine gefährliche Idee ist, lesen Sie hier.

Im vergangenen Juni erhielten mehrere Mitglieder des Barclays-Verwaltungsrates ein anonymes Schreiben. Darin äußerte ein Mitarbeiter der britischen Bank Vorwürfe gegen eine neu eingestellte Führungskraft. Auch der Name des ebenfalls neu berufenen Vorstandsvorsitzenden, Jes Staley, soll in dem Brief genannt worden sein.

Der Verwaltungsrat beauftragte das Compliance-Team mit der Aufklärung des Sachverhalts. Dabei passierte der erste, schwere Fehler: Der anonyme Brief landete auf Staleys Schreibtisch, der darin einen „unfairen, persönlichen Angriff“ gegen die neue Führungskraft sah und deshalb den Namen des Whistleblowers wissen wollte.

Greife nie die Anonymität von Whistleblowern an – schon gar nicht mit Mitarbeitern aus dem eigenen Haus

Das war Fehler Nummer 2: Barclays gewährt Mitarbeitern, die auf Missstände hinweisen, Anonymität. Nur so ist gewährleistet, dass das Whistleblowing zum Aufdecken von Missständen führt – und dazu hat sich die Bankbranche verpflichtet.

Staley wies sein Sicherheitsteam an, den Whistleblower zu enttarnen. Hier sind die Berichte über die Vorgänge in der Bank verwirrend – Fehler Nummer 3. Einerseits heißt es, das Sicherheitsteam hätte sich geweigert, auch als der Chef ein zweites Mal fragte. Andere Quellen berichten, der Sicherheitsdienst habe spezialisierte Ermittler aus den USA beauftragt. Diese Unklarheiten sorgen unnötig für Spekulationen, wo das Thema jetzt hochgekocht ist.

Leider wurde nun Staley von einem anderen Mitarbeiter beim Verwaltungsrat verpfiffen, der sogleich ein juristisches Gutachten einholte, den CEO stoppte, den Bonus kürzte und die Finanzaufsicht informierte. Dieses Gremium hat die Brisanz, die Staley vorgibt nicht gesehen zu haben, sofort erkannt: Whistleblower sind „heilig“.

Krisen-PR: CEO entfacht Welle der Negativberichte

Whistleblower-Systeme wurden den Banken nach den diversen Finanzskandalen aufgenötigt, um die von den Instituten versprochene Selbstreinigung zu befeuern. Und in der Tat: Die britische Finanzaufsicht erhält jedes Jahr eine dreistellige Zahl an anonymen Whistleblower-Informationen, die oftmals zu kritischen Nachforschungen führen. Noch viel größer ist die Zahl der Whistleblower-Meldungen, die innerhalb der Banken bleiben und unter Eigenregie verarbeitet werden.

Die Banken haben also von der Finanzaufsicht die Chance, als Missetäter ihre Sünden selber aufzuarbeiten. Man mag über das Konzept denken wie man will, es ist auf jeden Fall ein gehöriger Vertrauensbeweis der Finanzaufsicht. Dementsprechend empfindlich reagieren die Aufseher, wenn die hausinternen Systeme vom Vorstand demontiert werden – und sei es unabsichtlich oder unwissend, was in dieser Position keine echte Entschuldigung ist.

Kotau als unabwendbare Geste in der Krisenkommunikation

Der Fall wurde öffentlich und ging einmal quer durch die Medien. Schon gibt es erste Rufe aus der Politik, dass Staley geschasst werden muss. Dumm nur, dass demnächst über seine Vertragsverlängerung entschieden wird. So sah sich der Bank-Boss zum Kotau gezwungen:

„Ich habe die Schlussfolgerung des Barclays-Direktoriums akzeptiert, dass mein persönliches Verhalten in dieser Angelegenheit ein Fehler meinerseits war.“

Krisenkommunikatoren lernen aus diesem Fall, dass sie dem Drängen ihrer empörten Chefs keinesfalls nachgeben sollten, offiziell im Haus Aufträge zum Enttarnen von Whistleblowern zu erteilen. Das Nachdenken, wer denn bloß der Hinweisgeber ist, kann einem niemand verbieten. Zu dieser Erkenntnis sollte man aber nur bei einem Glas Wein in ganz kleinem Kreis kommen. Geradezu privat.

Jörg Forthmann

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