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Der große Krisen-PR-Zaubertrick: Ölplattformen in der Nordsee versenken – und Greenpeace freut sichKrisen-PR Brent Spar 2

Shell muss mehrere Brent Spar-Ölplattformen in den nächsten Jahren entsorgen. Vor 20 Jahren endete das in einem Krisen-GAU. Jetzt soll es keine Greenpeace-Aktionen und Tankstellen-Boykotts geben. Wie Shell dieses Kunststück der Krisen-PR gelingt, lesen Sie hier.

“Die Kampagne gegen die Versenkung der ‘Brent Spar’ gilt als eine der wichtigsten Umweltschutzaktionen der vergangenen Jahrzehnte”, heißt es bei Greenpeace.

Und tatsächlich: Nach der gescheiterten Versenkung des schwimmenden Öltanks Brent Spar im Jahr 1995 beschlossen die europäischen Küstenstaaten ein generelles Verbot. Seitdem müssen Offshore-Anlagen an Land entsorgt werden, abgesehen von einzelnen Ausnahmen. Und diese Ausnahmen könnten ein Problem für Shell werden, denn Greenpeace verbreitet fröhlich den Eindruck, dass dank seines Protests keine Ölplattformen mehr am Meeresgrund entsorgt werden. Die Fallhöhe ist damit für die Umweltaktivisten sehr hoch. Doch Shell braucht die Erlaubnis, Teile seiner Plattformen im Meer zurücklassen zu dürfen.


Das Problem sind drei von vier Brent-Förderplattformen. Sie stehen auf Stahlbetonbeinen, an deren Fuß sich in 140 Metern Wassertiefe nochmals insgesamt 64 Betonzellen befinden. Diese Zellen sind 60 Meter hoch, die Wände einen Meter dick, und sie wurden als Tanks genutzt. Heute enthalten sie ölig-sandige Schlämme, die sich verfestigt haben. “Allein die Betonstrukturen jeder Plattform sind 300.000 Tonnen schwer. Zusätzlich liegen am Meeresgrund 100 Kilometer Pipelines sowie Aushub aus 140 Bohrlöchern und 400 weiteren Bohrungen”, beschreibt n-tv die Dimensionen der Brent-Plattformen. “Die Bohrlöcher werden verfüllt und verschlossen. Die sichtbaren Aufbauten der Plattformen mit der Fördertechnik, Betriebs- und Wohnräumen sowie dem Hubschrauber-Landeplatz müssen an Land entsorgt werden. Im Sommer wird bei der Plattform Brent Delta ein riesiges Spezialschiff vorfahren, die “Pioneering Spirit” der Entsorgungsfirma Allseas. Sie nimmt die über 24.000 Tonnen schweren Aufbauten in einem Stück auf und bringt sie an Land, wo sie fast vollständig recycelt werden.”

Gelungene Krisen-PR: Shell umarmt seine ehemaligen Gegner

Doch was passiert mit dem Rest? Kann man die riesigen Betonzellen aus dem Meer bergen? Oder ist es klüger, sie zu einfach nur zu verschließen und dadurch das Auswaschen des Öl-Schlamms zu verhindern? Anhand von fünf Kriterien soll die Entscheidung gefällt werden: Sicherheit der Menschen, Auswirkungen auf die Umwelt, technische Umsetzbarkeit, soziale Folgen und Wirtschaftlichkeit. An dem Beratungs- und Konsultationsprozess sind Industrie, Behörden, Wissenschaft und Interessengruppen mit mehreren hundert Teilnehmern beteiligt – darunter Greenpeace.

Hoch interessant sind für Shell die öffentlichen Äußerungen der Greenpeace-Vertreter: “Alles, was sich technisch aus dem Meer entfernen lässt, soll entfernt werde.” Anders formuliert ist Greenpeace damit einverstanden, wenn Reste der Ölplattform in der Nordsee bleiben, soweit eine Bergung keinen Sinn ergibt.

Wie hat Shell das geschafft?

  1. Shell hat aus der Brent-Spar-Krise gelernt. Gegen den Willen der Öffentlichkeit, angestachelt durch Umweltschützer, ist das Versenken von Ölplattformen nicht machbar. Shell ist vom Problem zur Lösung mutiert. Der Ölkonzern entwickelt tatkräftig Lösungen mit, um die riesigen Aufbauten an Land zu entsorgen.
  2. “If you can’t beat them, join them!” Getreu diesem Motto hat Shell Greenpeace & Co. in die Entsorgung der Ölplattformen mit eingebunden. Im Ergebnis hat Shell Fürsprecher für die Entsorgung der riesigen Industrieanlagen gewonnen, die freudig von der “besten Lösung” sprechen. Dabei geht unter, dass auch die Entsorgung an Land zu Umweltbelastungen führt. Das wird den Shell-Kommunikatoren nicht ungelegen kommen.
  3. Gleichzeitig achtet Shell darauf, Greenpeace nicht bloß zu stellen. Wenn die riesigen, mit Ölschlamm gefüllten Betonblöcke tatsächlich in der Nordsee bleiben, ist das eine wirtschaftlich durchaus vernünftige Lösung – doch wie soll Greenpeace das seinen Anhängern erklären? Dazu darf es nicht kommen. So überlässt Shell den Regenbogenkriegern still den Sieg im Kampf gegen das Versenken von Ölplattformen. Damit – sollte es so weit kommen – die Ausnahme in Form von in Beton gegossenen Ölschlamm-Särgen übersehen wird.

Shell liefert damit ein Schulbuch-Beispiel, wie sich Kommunikationskrisen durch kluges, vorausschauendes Handeln vermeiden lassen. Gratulation!

Jörg Forthmann

2 COMMENTS
  1. Avatar for Markus Wiederspahnb
    Markus Wiederspahnb
    Februar 26, 2016 Antworten

    Sehr geehrter Herr Forthmann, Ihr Artikel lässt mich, offen gestanden, mit mehr Fragen zurück, als er zu klären in der Lage war. Denn die eigentlichen Fragen, nämlich ob die im Meer zurückbleibenden Ölschlammsärge ein Umweltrisiko darstellen, bzw. wie groß dieses ist, und ob Shell überhaupt eine geringstmögliche Umweltbelastung anstrebt, bleiben unbeantwortet. Nun ist die technische Bewertung von Ihnen als Kommunikationsberater auch nicht zu erwarten. Aber allein die Wortwahl in Ihrem Artikel lässt anderes vermuten: “Greenpeace verbreitet fröhlich den Eindruck …”; “Ölschlammsärge”; Betonzellen … usw. Mein Fazit aus dem Artikel: Shell bleibt ein “Umweltschwein” (entschuldigen Sie den drastischen Ausddruck – aber ich denke, so wird in der Szene gedacht und gesprochen), nur wird das halt nicht mehr so deutlich sichtbar und Greenpeace hat sich nicht nur einlullen lassen, sondern ist zur Rufwahrung selber zum “Umweltschwein” geworden. Wollten Sie das erreichen? Wohl kaum. Die Kommunikationskrise mag vermieden worden sein, bei der Frage nach der Moral des Handelns auf beiden Seiten (Shell und Greenpeace) haben Sie mit Ihrem Artikel allerdings deutlich den Daumen gesenkt. Aus Reputationssicht sehe ich damit sowohl Shell als auch Greenpeace stark beschädigt. Aber wer weiß – vielleicht wollten Sie ja doch geanu das erreichen? Ich würde mich freuen, Ihre Sicht auf mein “Unwohlsein” zu lesen.

  2. Avatar for Jörg Forthmann
    Jörg Forthmann
    Februar 26, 2016 Antworten

    Sehr geehrter Herr Wiederspahn,
    vielen Dank für Ihren Hinweis. Das hätte ich in der Tat noch deutlicher rausarbeiten können. Aus meiner Sicht ist der Vorgang sowohl für Shell als auch für Greenpeace delikat. Shell hat schlicht mehrere Ölplattformen im Meer stehen, die entsorgt werden müssen. Das führt zwangsläufig zu Umweltschäden. Angesichts der Krisen-PR-Vorgeschichte läuft Shell nun Gefahr, abermals an den Pranger gestellt zu werden. Dieses Risiko händelt Shell geschickt, zumal die Umweltschäden, die sich kaum verhindern lassen, bislang in der Öffentlichkeit nicht thematisiert werden.
    Greenpeace hat einen Fehler begangen, den die Aktivisten sonst bei den Unternehmen gerne nutzen: Man hat eine ungesunde Fallhöhe geschaffen. Denn die Umweltschützer betonen allzu eindeutig, dass keine Ölplattformen mehr in der Nordsee versenkt werden – dank Greenpeace. Die Ausnahmen, die sich gar nicht umgehen lassen, könnten jetzt zum Problem für Greenpeace werden. Ich weiß nicht, wie Greenpeace seinen Mitgliedern erklärt, dass – mit Zustimmung der NGO – riesige Betonzellen mit Ölschlamm im Meer bleiben, wenn es denn tatsächlich dazu kommt.
    Das Moralisieren liegt mir übrigens an dieser Stelle nicht, Herr Wiederspahn. Shell ist ein Wirtschaftsunternehmen. Wir Verbraucher wollen Öl und Produkte aus Öl. Eigentlich wissen wir alle, dass Ölförderung zu Umweltschäden führt, aber unseren Konsum schränken wir deshalb nicht ein. Wenn Shell das wirtschaftlich Vertretbare tut, Umweltschäden bestmöglich zu vermeiden, finde ich das eine angemessene Lösung.
    Für uns Krisenkommunikatoren ist dieser Fall wunderschön, weil wir hier ein tolles Beispiel für prophylaktische Krisen-PR sehen.
    Beste Grüße aus Hamburg
    Jörg Forthmann

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