Krisen-PR: Wie ein Talkschau-Auftritt Milliarden kostet

VW-Chef Diess gibt Dieselgate-Betrug zu – und seine Anwälte schreien auf

VW-Chef Herbert Diess hat das getan, wozu ihm Kommunikatoren normalerweise raten würden: Endlich reinen Tisch machen mit dem Dieselskandal. Schuld bekennen. Sühne versprechen. Für die Zukunft Besserung geloben. Dumm nur, dass das jetzt möglicherweise Milliarden kostet. Lesen Sie hier, warum bei VW die Kommunikatoren gefälligst ruhig sein sollen.

VW-Chef Herbert Diess will dem Autokonzern wieder zu einem besseren Image verhelfen. So geriert er sich als Vorkämpfer für grüne Mobilität und für den radikalen, zukunftsfähigen Umbau der Automobilindustrie. Deshalb war er auch in der Talkshow von Markus Lanz. Dumm nur, dass er sich nicht an die eiserne Regel der Volkswagen-Anwälte hielt, niemals irgendeine Schuld beim Dieselskandal einzugestehen. Niemals! Vor laufender Kamera bekannte er erstmalig, dass die Wolfsburger Betrug begangen haben:

„Das, was wir gemacht haben, war Betrug, ja.“

Dieser Satz ist wie eine Bombe eingeschlagen, denn bislang hat Volkswagen genau das vor Gericht vehement bestritten. So meldete sich unmittelbar Günter König bei VW. Er ist Richter an der 6. Zivilkammer des Landgerichts Oldenburg und verhandelt Dieselgate-Fälle. Die Aussage von Diess passt so gar nicht zu den Einlassungen von VW, die es bislang gab: Die Aufklärung laufe noch und man gehe davon aus, dass jemand auf der Arbeitsebene verantwortlich sei. Wie kann der Vorstandschef dann wissen, dass es Betrug war. Ist die interne Aufklärung doch schon abgeschlossen?

VW-Chef liefert Munition für Dieselgate-Kläger

König fordert nun Auskunft vom Autokonzern, wer denn genau aus Sicht von Diess den Betrug begangen habe. Diese Mitarbeiter könnten vor das Oldenburger Gericht vorgeladen und mit der Aussage ihres Chefs konfrontiert werden, dass sie Betrug begangen haben. Verbunden mit der Frage, wie das denn möglich war – und welche Vorgesetzten davon Kenntnis hatten. Dabei ist es nicht zwingend nötig, dass der Vorstand frühzeitig von den Manipulationen wusste (auch wenn es eben doch wahrscheinlich ist). Vorstände müssen sich im Zweifelsfall Organisationsverschulden anrechnen lassen, also die Schuld daran, in ihrem Verantwortungsbereich keine ausreichenden organisatorischen Vorkehrungen getroffen zu haben, um Fehlverhalten zu unterbinden.

Diess hat also in der Talkshow einen richtigen Bock geschossen. Die VW-Kommunikation in Sachen Dieselgate ist in den letzten Jahren von den Rechtsanwälten diktiert. Das Kalkül ist dabei simpel: Die milliardenschwere Ersparnis durch beinharte Juristerei ist wichtiger als Einbußen beim Image. Der VW-Chef hat nun – mit einem einzigen Satz – diese Strategie torpediert.

Krisenkommunikation: Maulkorb, wenn es um drakonische Strafen geht

Die VW-Anwälte versuchten zu retten, was zu retten ist, und betonen: Diess habe sich nicht im juristischen Sinne eingelassen. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen! Durch die Blume attestieren die Juristen dem VW-Chef, dass er sich bescheuert geäußert hat. So etwas muss man sich dann offensichtlich als Topmanager öffentlich sagen lassen, um den Schaden zu begrenzen.

Im Grundsatz bleibt es bei der goldenen Regel für Krisenkommunikatoren: Wenn das Unternehmen von drakonischen Richtersprüchen bedroht ist, übernehmen die Juristen das Zepter und diktieren dem Pressesprecher einige wenige (möglichst nichtssagende) Aussagen in den Block, die er sagen darf. Da hilft auch kein Lamentieren und Klagen aus der Presseabteilung. Wo Knast oder milliardenschwere Straf- und Schadenersatzzahlungen drohen, sind Reputationsschäden zweitrangig. Klappe halten, setzen!

So ist die freimütige Aussage von Diess nicht der aufkommende kommunikative Befreiungsschlag von VW, sondern schlicht ein böses Versehen – das wahrscheinlich nie wieder vorkommt. So viele Milliarden hat Volkswagen ja nun auch nicht zu vergeben.

Jörg Forthmann

Jörg Forthmann
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