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Viel Lärm um ein Stilles Örtchen
  • R Heintze
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Sauberkeit nur gegen Bargeld: Schule will Bezahl-Klo für Schüler einführen – und wundert sich über den Reputationsschaden

So wirklich als angenehmen und hygienisch sauberen Ort hat wohl niemand sein Schulklo in Erinnerung. In einer Stadtteil-Schule im eigentlich eher feinen Hamburg-Wellingsbüttel soll die Lage aktuell aber so schlimm sein, dass viele Schüler sich den ganzen Tag über das Trinken verkneifen. Laut Presseberichten ist das Problem vor allem durch randalierende Schüler verursacht, die es als Spaß empfinden, gezielt neben die Schüsseln zu pinkeln. Jetzt hat die Schule mit einem ungewöhnlichen Lösungsansatz Schlagzeilen gemacht:

Ein einziges (!) Klo in der Schule soll dauerhaft sauber gehalten und bewacht werden – aber benutzen dürfen es nur diejenigen der 1.100 Schüler, die bereit sind, dafür zu bezahlen. 10 Cent soll das pro Bedürfnisabwicklung kosten. Kinder, die das nicht bezahlen wollen oder können, müssen weiter auf die Drecksklos gehen oder sich (gesundheitsschädigend) das Trinken verkneifen.

Das Echo auf diesen Plan war nicht nur groß, sondern auch mehr als eindeutig: Von „Zwei-Klassen-Toiletten“ ist die Rede, der Plan sei „total bescheuert“, „Schwachsinn“, „eine Unverschämtheit“ und „inakzeptabel“.

Erst die durch die Empörung aufgescheuchte Schulbehörde konnte die Schulleitung dazu bewegen, von dem Plan abzulassen.

Sowohl aus erzieherischen als auch praktischen Gesichtspunkten scheint der Plan tatsächlich nicht wirklich zu Ende gedacht zu sein. Aber ich bin kein Pädagoge und möchte mich daher auf die für die Reputation der Schule und ihrer Leitung wichtigen Aspekte beschränken.

Anscheinend rechnete der Schuldirektor tatsächlich mit Lob für seine „innovative“ Problembewältigungsstrategie. Dabei hat er sich offensichtlich nicht mit der Erwartungshaltung der Öffentlichkeit beschäftigt und deshalb nicht gesehen, welche Botschaften geradezu zwangsläufig bei den Zielgruppen ankommen müssen:

  1. „Saubere Schulklos sind bei uns keine Selbstverständlichkeit. Sondern ein Luxus. Hygiene also nur gegen Geld.“
  2. „Wir sind unfähig, das Problem verdreckter Klos in den Griff zu bekommen.“

Der Plan war ein klassisches Eigentor, verursacht durch einen Mangel an Empathie. Eigentlich hätte das schon beim Erörtern der Idee offensichtlich werden müssen. Spätestens nach dem Aufbranden der öffentlichen Empörung hätte diese Einsicht kommen müssen; die Schule hätte eigeninitiativ die Maßnahme zurückziehen und sich für den, äh, unausgereiften Plan entschuldigen können. Das hätte zumindest ein Minimum an Reputation retten könne.

Stattdessen setzt der Schulleiter mit seiner Reaktion noch einen drauf. In einer Mitteilung auf den Schul-Homepage schiebt er die Schuld an dem negativen Presseecho einer Pressemitteilung der Partei „Die Linke“ zu. Die zitiert er ausgiebig, und beschwert sich dann akribisch über Details, die darin falsch oder verfälscht wiedergegen werden. Er stellt sich und seine Schule als Opfer falscher Berichterstattung dar.

Nur: Keine der von ihm als falsch bemäkelten Kleinigkeiten hat eine Relevanz für das Kernproblem. (Die Linke will zum Beispiel erfahren haben, dass als zusätzliche Maßnahme vor jedem Toilettengang außerhalb der Pausen eine „Bedürfnisprüfung“ vorgenommen werden soll. Das war laut Schule nie so gemeint, und keiner der Politiker hätte die Schule danach gefragt. Und überhaupt befasst sich Die Linke gemeinerweise überhaupt nicht mit all seinen anderen tollen Maßnahmen, um den Klo-Vandalismus zu bekämpfen.) Der Schulleiter spielt öffentlich die beleidigte Leberwurst.

Und ignoriert dabei völlig: Das, worüber sich die Öffentlichkeit aufregt, ist wahr – nämlich, dass es an seiner Schule garantiert saubere Toiletten nur als kostenpflichtiges Extra geben soll.

Und so verkündigt er das Ende des Bezahlklo-Plans mit den Worten:

„Aber diese Pressemitteilung hat bewirkt, dass die BSB [Behörde für Schule und Berufsbildung] uns eindeutig bittet, von diesem Vorhaben Abstand zu nehmen. Dieser Bitte komme ich nach.“

Mit anderen Worten: Ihr sollte alle wissen, dass ich weiterhin uneinsichtig bin und wohl auch bleiben werde.

Wenn jetzt immer mehr Eltern aus Wellingsbüttel alle Mittel und Wege auszuschöpfen versuchen, dass ihr Kind bloß nicht auf dieser Schule landet, sollte sich der Schulleiter nicht wundern. Wer will seinen Nachwuchs schon auf einer Schule sehen, an der dreckige Klos als Selbstverständlichkeit und saubere Klos als kostenpflichtige Zusatzleistung angesehen werden und die Schulleitung noch nicht einmal versteht, warum das ein Problem sein sollte?

Roland Heintze

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