Die Erde stirbt. Na und?

Fridays for future: Was sich hinter der Hypertonie der Massen wirklich verbirgt

Wir sind so herrlich schuldig an den unbarmherzig herannahenden Umweltkatastrophen. Wir müssen was tun! Jetzt! Lieber mehr als weniger! „Die Ökologie ist das neue Opium für die Massen“, warnt der Philosoph Slavoj Zizek – und wir Kommunikatoren sollten uns angucken, was da wirklich passiert. Lesen Sie hier mehr über die Mechanik hinter „Fridays for future“.

In Umweltfragen neigen wir zur Hypertonie, konstatiert der Philosoph Slavoj Zizek in einem lesenswerten Beitrag in WELTplus. Im brasilianischen Regenwald gibt es nahezu 4.000 Feuer – und wir folgen wie die Lemminge der prophetischen Warnung, dass die Erde stirbt, wenn wir so weiter machen. Wir haben uns in Europa schon vor zwanzig, dreißig Jahren vor dem Waldsterben gefürchtet. Die Medien überschlugen sich mit Prognosen, wann wir ohne Wald sein würden. Tatsächlich gibt es heute mehr Wald in Europa als jemals im 20. Jahrhundert.

Aber der ist dank Borkenkäfer und Dürre nun ja auch in Gefahr. Wenn schon die Prognosen vor Jahrzehnten nicht wahr wurden, so ist es zumindest jetzt so schlimm, dass wir uns wirklich fürchten müssen.

„Die Ökologie der Angst hat die besten Chancen, zur vorherrschenden Ideologie des globalen Kapitalismus zu werden, ein neues Opium für die Massen, das die schwindende Religion ersetzt: Sie übernimmt die fundamentale Funktion der alten Religion und installiert eine unhinterfragbare Autorität, die allem Grenzen setzen kann.“, so Zizek

Da trifft es sich gut, dass wir mitschuldig sind am Weltuntergang. Wenn auch nur im Kleinen.

„Wir sind gerne schuldig, denn wenn wir schuldig sind, hängt alles von uns ab“, diagnostiziert Zizek. „Wir ziehen die Fäden der Katastrophe, damit wir uns retten können, indem wir unser Leben ändern.“

Denn – zumindest im Westen – fällt es uns unendlich schwer, auf die passive Rolle eines ohnmächtigen Beobachers reduziert zu sein. Wir wollen das Schicksal in die eigene Hand nehmen, mitunter frenetisch bis obsessiv. Auch wenn wir ahnen, dass das Problem wohl ganz woanders gelöst werden muss. Und zwar dort, wo die größten Mengen an Kohlendioxid in die Luft geblasen werden (China, USA, Indien). Wo Plastiktüten in Massen in die Ozeane gespült werden (über die Flüsse Jangtse, Ganges und Xi Jiang). Wo bei uns verbotene Pestizide gespritzt werden (in Entwicklungsländern).

Das führt zu zwei Verhaltensmustern:

  • Ich weiß, dass wir bedroht sind, aber ich kann nichts tun. Deshalb finde ich Spritfresser wie SUVs doof, fahre sie aber trotzdem.
  • Ich weiß, dass ich die Umweltvernichtung nicht aufhalten kann. Doch das kann ich nicht akzeptieren. Deshalb kann ich nicht widerstehen, etwas dagegen zu unternehmen, selbst wenn es letztlich bedeutungslos ist.

Die letztere Gruppe sympathisiert mit „Fridays for future“ und demonstriert gerne mit.

„Die vorherschende ökologische Ideologie behandelt uns a priori als schuldig, Mutter Natur verschuldet, unter dem ständigen Druck der ökologischen Über-Ich-Agentur, die uns in unserer Individualitöät anspricht: ‚Was hast du heute getan, um deine Schulden bei der Natur zurück zu zahlen? Hast du alle Zeitungen in den richtigen Recycling-Eimer entsorgt? Und die ganzen Bierflaschen und Cola-Dosen? Bist du mit dem Auto irgendwohin gefahren, wohin du auch mit dem Fahrrad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln hättest fahren können? Hast du die Klimaanlage eingeschaltet, statt einfach die Fenster zu öffnen?'“

Dieser Mechanismus ist für Kommunikatoren hoch interessant zu verstehen. Denn wenn Unternehmen nicht mit der neuen Öko-Religion kollidieren wollen, müssen sie sich mit ihr arrangieren. Konfrontative Strategien werden hier nicht zum Erfolg führen, denn der Glaube an die kaum noch aufzuhaltende Umweltkatastrophe durchdringt alle Gesellschaftsschichten. Wer hier mit objektiven Fakten argumentiert, erstirbt in der Empörung.

Also müssen sich Unternehmen arrangieren. Zweifelsohne steht es ihnen gut zu Gesicht, nicht unnötig die Umwelt zu schädigen. Das ist die Minimalanforderung, doch das genügt dem Publikum nicht. Wer sich für die Rettung der Welt aufopfert, erwartet mindestens den gleichen Einsatz von den Konzernen. Die wirkungsvollste Strategie ist hier, den Menschen die Chance zur Mitwirkung anzubieten. Kleine E-Autos anzubieten, Eier von glücklichen Hühnern zu verkaufen, Beyond-Burger auf die Speisekarte zu nehmen. Denn dann kommt der Moment der Wahrheit: Werden diese umweltbewussten Alternativen gekauft? Gibt es wirklich die Zahlungsbereitschaft für das bessere Öko-Produkt? Mute ich mir tatsächlich den Verzicht im Kleinen zu, um das Große – die Erde – zu retten?

Wenn die Abstimmung der Verbraucher mit den Füßen dazu führt, dass diese Angebote rasenden Absatz finden, haben Sie den einfachen Weg in die ökologische Transformation gefunden. Wenn hingegen die Öko-Alternativen Ladenhüter sind, haben wir eine Aufgabe für die Kommunikatoren: Sie sind es dann, die dem staunenden Publikum erklären, dass sich ihre Firma allergrößte Mühe mit den neuen Umweltschutz-Angeboten gemacht hat – aber damit krachend gescheitert ist.

Erlauben Sie mir eine Arbeitsthese: 90 Prozent dieser neuen Öko-Angebote werden scheitern, wenn Menschen verzichten oder mehr zahlen müssen oder mehr Aufwand haben. Das ist der wirkungsvollste Weg, um sich von der Umarmung der Massen zu befreien. Und Nachhaltigkeit im vernünftigen Maß wahr zu machen.

Jörg Forthmann

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