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Viel heiße mediale Luft um nix

Umgang mit eigenen Zeichentrick-Klassikern: Schädlich für die Reputation von Disney+?

Als Titel prangt auf Welt.de oben „Disney warnt vor Stereotypen in eigenen Klassikern – und sperrt Filme“. Unten auf der Seite: Zornige Kommentatoren ziehen Vergleiche zu Bücherverbrennungen, sprechen von Geschichtsverfälschung, Totalitarismus und Meinungsdiktatur.

Man könnte meinen: Es geht gerade das Abendland unter. Leitet Disney die Endzeit ein? Ruiniert der Konzern mit der weltberühmten Maus seine Reputation, indem er Kulturgut zensiert und bannt?

Spoiler-Warnung: Nein. Im Gegenteil – Disney hat in einer heiklen Kontroverse mit Augenmaß integer, kompetent und benevolent einen pragmatischen Ausgleich der berechtigten Interessen aller Stakeholder gefunden.

Worum geht es? Um eine Handvoll Disney-Zeichentrickfilme, die schon zu meiner Kindheit Klassiker waren. Wie „Dumbo, der fliegende Elefant“ von 1941 und „Peter Pan“ aus dem Jahr 1953. Meisterwerke voller bezaubernder, liebevoller Animationen und anrührender Momente, die sich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt haben. Allerdings auch mit einigen aus heutiger Sicht von wenig Empathie getragenen Szenen, die Anstoß erregen. Diese porträtieren zum Beispiel Afro-Amerikaner und Nordamerikanische Ureinwohner abschätzig und kolportieren negative Klischees.

So werden unter anderem Indianer in Peter Pan „Rothaut“ genannt und ihr Aussehen und ihre Kultur in einer besonders häufig kritisierten Musik-Nummer mit dem Titel „What Made the Red Man Red?“ veralbert. In Dumbo schuften gesichtslose, dunkelhäutige Arbeiter und singen dabei fröhlich ein Lied, in dem es unter anderem heißt „We slave until we’re almost dead“ und „When we get our pay, we throw our money all away“.

Ergo: Auf vielen Ebenen haben sich die Filme ihren Platz als geliebte Klassiker der Filmkunst verdient – aber die Kritik an den beanstandeten Szenen ist trotzdem nicht unberechtigt.

Und das stellte den hauseigenen Streaming-Dienst Disney+ vor ein Problem: Dass man hier (und nur hier) die großen Disney-Zeichentrickklassiker schauen kann, gehört zum Markenkern des Dienstes. Ebenfalls zum Markenkern gehört, dass das gesamte Programm dort gerade nicht anstößig sein soll. Es soll harmlosen Spaß für die ganze Familie bieten.

Und die gesamte Disney Company hat sich „stories that reflect acceptance and tolerance and celebrate the differences that make our characters uniquely wonderful in their own way“ verschrieben; mit Figuren, die „individuals across gender, identity, ability, and experience“ ansprechen, „because they’re defined by kindness, loyalty, humor, courage, wit and other distinguished traits.“ Auf Minderheiten rumtrampeln und so tun, als wenn nix wäre, passt da gar nicht und würde der gesamten Reputationsstrategie des Konzerns nachhaltig schaden.

Wie also reagieren? Es scheint ein unauflösbarer Konflikt zwischen Kunst und Menschenwürde zu sein. Die gesamten Filme auf ewig in den Giftschrank stecken und totschweigen, oder einzelne Szenen überarbeiten oder herausschneiden: Schlechte Idee. Das käme einer Zensur gleich, würde nach Vertuschen aussehen sowie dem künstlerischen und historischen Stellenwert der Filme nicht gerecht werden und die geweckten Kundenerwartungen enttäuschen.

Die Kritik einfach beiseite wischen und den Betroffenen erklären, dass das alles doch nicht so schlimm sei und die sich mal einfach nicht so haben sollen? Auch eine schlechte Idee. Als Teil einer privilegierten Mehrheit einer benachteiligten Minderheit zu erklären, was sie als verletzend empfinden dürfen, und was nicht, ist überheblich, herablassend und reibt zusätzlich Salz in die Wunde. So hat der WDR gerade erst bewiesen, dass so etwas vorhersehbar schief geht, als er in einer Talkshow darüber diskutieren lies, was rassistisch ist, und was nicht. Von fünf Weißen. Facepalm.

Auch wenn Überschrift und Kommentare des Welt-Artikels anderes vermuten lassen: Disney+ macht weder das eine noch das andere. Das offenbart ein aufmerksamer Blick auf die besagten Filme.

Diese sind weder grundsätzlich gesperrt noch zensiert. Probleme mit den sehr alten Filmen werden angesprochen und nicht ignoriert, die Filme selbst aber weder versteckt noch „geschönt“.

Neu ist nur: Die betroffenen Streifen werden zwar weiterhin als „ab 0 Jahren“ ausgewiesen, aber vom System wie „ab 12“ behandelt. Heißt: Wenn Eltern ein zusätzliches Profil extra für kleinere Kinder anlegen, können die diese Filme darüber nicht eigenständig starten. Das muss dann Mama oder Papa machen – wie bei allen Inhalten „ab 12“.

Vor dem Film gibt es dann einen kleinen, allgemeinen Hinweis, dass der Film „negative Darstellungen und/oder eine nicht korrekte Behandlung von Menschen und Kulturen“ enthalte. Sowie einen Verweis auf eine Webseite, auf der man sich bei Interesse weiter informieren kann. Wenn man will. Muss man aber nicht. Man kann dann stattdessen auch einfach den Film gucken – also kein Grund zur Aufregung.

Eine totalitäre, Bücher verbrennende Meinungsdiktatur sieht anders aus…

 

Roland Heintze
www.reputationzweinull.de

 

 

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Lukas Hentschel
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