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Mediengau

pharmaWer hätte gedacht, dass die ehrenwerte Robert-Bosch-Stiftung zum Halali auf die Pharmabranche bläst? Sie hat der TU Dortmund Projektmittel zur Verfügung gestellt, um die “Recherchekompetenzen im Medizinjournalismus” zu fördern. So weit, so gut. Der Inhalt der Ausschreibung ist jedoch alarmierend:

“Ziel des Stipendiums ist es, mit einer dreimonatigen Recherche komplexe Themen durch eine innovative journalistische Herangehensweise und Umsetzung für ein breites Publikum transparent zu machen. Gesucht werden insbesondere Recherche-Ideen zum Themenkomplex Pharma-Lobbyismus: „Im Gesundheitswesen sind die Grenzen zwischen Forschungsförderung und Bestechung fließend. Allzu vieles ist nicht transparent genug.“ Diese Sätze stehen in einem Leitartikel, den Rainer Flöhl 1994 in der FAZ geschrieben hat, unter der Überschrift „Der industriell-medizinische Komplex“. Mit den Stipendien wollen wir Recherchen anstoßen, die zu mehr Transparenz führen: Werden mit einzelnen Medikamenten Milliardengewinne auf Kosten der Steuerzahler gemacht? Wie stark treibt der Ressourcenmissbrauch im Gesundheitswesen die Kosten unseres Medizinsystems in die Höhe? Wie sehr machen sich Ärzte, Gesundheitspolitiker, Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen abhängig von Informationen aus der Pharma- und Medizinprodukte-Industrie? Wie ist es möglich, dass Studiendaten verheimlicht oder Ergebnisse verzerrt publiziert werden? Die Verflechtungen von kommerziellen Interessen und vermeintlichen und tatsächlichen Bedürfnissen von Patientinnen und Patienten erscheinen heute oft fast unentwirrbar – und trotzdem fehlt vielen Beteiligten immer noch das Problembewusstsein.”

Wow, ein FAZ-Artikel aus 1994 (!!!) liefert die unumstößliche Wahrheit, dass es hier um ein relevantes Thema geht. Und hoffnungsvolle Stipendiatsanwärter bekommen gleich mitgegeben, was bitte bei der Recherche rauskommen soll. Die Jury ist entsprechend besetzt:

“Die Auswahl der Stipendiaten erfolgt durch eine Jury mit renommierten Wissenschaftsredakteuren: Dr. Regina Oehler (hr2/VMWJ), Dr. Astrid Viciano (Freie Journalistin, ehem. STERN), Dr. Hartmut Wewetzer (Tagesspiegel), Markus Grill (SPIEGEL) und Prof. Holger Wormer (TU Dortmund) suchen im Juli 2013 die vielversprechendsten Bewerber aus.”

Mit dem Stiftungszweck der Robert-Bosch-Stiftung ist das nur schwer in Übereinklang zu bringen. Da hat sich die Stiftung gehörig verrannt. Für die Pharmabranche ist diese Ausschreibung ein weiterer Weckruf, dass die Verteufelung der Pharmakonzerne inzwischen akzeptierter Mainstream in der breiten Öffentlichkeit ist. Zaghafte Anzeigenkampagnen mit Menschen, die mit Hilfe moderner Medikamente geheilt wurden, haben das nicht verhindern können. Dabei geht es um Leben oder Tod, um das Erlösen von schwerem Leiden und um das Wiederherstellen von Lebens-Qualität. Das hat die Pharmabranche nicht intensiv und couragiert genug gemeinsam kommuniziert. Das rächt sich, und es wird zunehmend schwieriger, im Abwärtsstrudel die Kehrtwende zu schaffen. Das geht nur noch mit deutlich stärkerer Kommunikation, die mutig emotionalisiert und geeignet ist, eine öffentliche Diskussion anzustoßen, ob wir auf diese Medikamente wirklich verzichten wollen.

Jörg Forthmann

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