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Krisen-PR: Mark Zuckerberg begibt sich unter Aufsicht – freiwillig

Wie Facebook den Befreiungsschlag aus der Reputationskrise versucht

„Nicht alles, was legal ist, ist auch legitim.“ Diesen Satz wird der Facebook-Chef Mark Zuckerberg hassen. Der Internetgigant wird selten verurteilt, aber ständig kritisiert. Die Reputationskrise der Kalifornier ist mittlerweile so groß, dass sie geschäftsgefährdend ist – durch drohende staatliche Regulierungen, die Facebook schmerzhafte Fesseln anlegen. In dieser Situation versucht es der Konzern mit einem Befreiuungsschlag und ernennt ein neues Aufsichtsgremium – um unabhängig entscheiden zu lassen, welche Inhalte im Netzwerk toleriert werden. Lesen Sie hier, was Kommunikatoren gerade von Facebook lernen können.

Vorgestern hat Facebook die ersten 20 Mitglieder des neuen Aufsichtsgremiums ernannt.  In den nächsten Monaten sollen es insgesamt etwa 40 Mitglieder werden.

1. Pluspunkt: Die Mitglieder im Aufsichtsgremium repräsentieren die Welt

Diese bisherigen Aufseher haben „in mehr als 27 Ländern gelebt und sprechen mindestens 29 Sprachen“, resümiert Facebook nicht ohne Stolz. Und in der Tat: Um weltweit Akzeptanz für das neue Aufsichtsgremium zu erhalten, ist diese breite Herkunft wichtig. Schlimm wäre es gewesen, wenn das Gremium nahezu vollständig von US-Amerikanern dominiert gewesen wäre.

2. Pluspunkt: echte Unabhängigkeit

Facebook hat die Mitglieder des neuen Aufsichtsgremiums klug ausgewählt. Sie haben unterschiedliche Standpunkte und Hintergründe. Vor allem aber: Sie stehen zumindest zum Teil dem Internetgiganten kritisch gegenüber. So ist Alan Rusbridger dabei. Er ist ehemaliger Chefredakteur des angesehenen The Guardian und war für die Veröffentlichung der Snowden-Berichterstattung verantwortlich. Zu seiner Berufung schrieb er:

„Einige der Herausforderungen, mit denen Facebook zu kämpfen hat, sind bekannt, wenn auch in einem ganz anderen Ausmaß. Andere sind Themen, über die noch nie jemand in der Geschichte nachdenken musste. (…) Wird es funktionieren? Wir werden sehen. Meiner Ansicht nach gibt es keine Entschuldigung dafür, es nicht zu versuchen.“

Ebenso dabei sind zum Beispiel:

  • Tawakkol Karmann, Friedensnobelpreisträgerin aus dem Jemen, die durch ihre Arbeit während des Arabischen Frühlings bekannt wurde.
  • John Samples, Vizepräsident des libertären Cato-Instituts, der sich intensiv gegen die Bemühungen der US-Regierung gestemmt hat, die Moderation von sozialen Medien zu regulieren.
  • Michael McConnell und Jamal Greene, zwei amerikanische Professoren für Verfassungsrecht aus Stanford und Columbia.
  • Catalina Botero-Marino, Dekanin einer prominenten juristischen Fakultät aus Kolumbien.
  • Helle Thorning-Schmidt, Ex-Premierministerin von Dändemark.

Spannend: Laut Facebook kann es die Aufsichtsmitglieder nicht abberufen.

3. Pluspunkt: Facebook unterwirft sich dem Aufsichtsgremium

Der US-Konzern hat sich selbst verpflichtet, die Entscheidungen der Aufseher umzusetzen, sofern sie nicht gegen das Gesetz verstoßen. Auf den ersten Blick ist die entscheidende Bewährungsprobe für Facebook; folgt es seinen eigenen Aufsehern nicht, werden die Aufsichtsmitglieder zu billigen Pappkameraden. Tatsächlich gibt es eine weitere Bewährungsprobe: Wie intensiv werden die hauseigenen Aufseher tatsächlich eingebunden? Werden sie umfassend informiert? Können sie sich frei Informationen besorgen? Haben sie überhaupt genug Zeit, um sich dieser gewaltigen Aufgabe ausreichend zu stellen? Die Aufsicht könnte also auch trockengelegt werden, indem der Informationsfluss gedrosselt und die Zeitkapazitäten für die Aufsichtsarbeit begrenzt werden. Das würde in öffentlichkeitswirksamen Austritten aus dem Germium münden und wäre ebenso schädlich für Facebook.

4. Pluspunkt: Die Aufseher haben die Macht, eigene Regelwerke für Facebook zu beschließen

Die Macht der neuen Aufseher soll sogar so weit reichen, dass sie neue Richtlinien für die Moderation von Inhalten beschließen können – also Regelwerke für den laufenden Betrieb verabschieden können. Das hat möglicherweise weit reichende Folgen für Facebook. So könnten Mitglieder ausgesperrt, Inhalte flächendeckend gelöscht oder aufwändige Kontrollen initiiert werden, für die tausende neuer Mitarbeiter nötig sind.

Das Echo auf das neue Aufsichtsgremium ist sehr positiv. Während der Internetkonzern in Deutschland im Durchschnitt eher eine leicht negative Tonalität hat, schnellte die Tonalität nach der Nachricht über das Aufsichtsgremium rasant ins Positive. Facebook wurde also die Ernsthaftigkeit seiner Initiative abgenommen – das ist ein erster, großer Erfolg.

Es gibt allerdings einen Wermutstropfen: Die Viralität der Posts über das neue Aufsichtsgremium ist schlecht. Das ist ein Zeichen dafür, dass sich diese Nachricht im Netz nur schlecht weiter verbreitet – und damit für eine geringe Emotionalität der Diskussion. Dies ist zu erkennen an dem steil abfallenden Verlauf der Tonalitätskurve auf der rechten Seite des Bildes.

Die Analysen zu Tonalität und Viralität der Kommunikation über Facebook in rund 400 Millionen Quellen im deutschsprachigen Internet kommt vom IMWF Institut für Management- und Wirtschaftsforschung, das sich intensiv mit der Medienanalyse beschäftigt und laufend mehr als 20.000 Marken und Unternehmen beobachtet.

Facebook hat dennoch mit dem Aufsichtsgremium einen gelungenen Befreiungsschlag hingelegt. Wenn Zuckerberg & Co. diese Initiative wirklich ernst meinen, kann das der erste bedeutende Schritt aus der Reputationskrise heraus sein. Diesen Lackmustest muss Facebook aber erst noch bestehen.

Jörg Forthmann

 

Jörg Forthmann
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