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Per Majestätsbeleidigung zum Premium-Praktikum

Das ging (natürlich) nach hinten los: Schulleiter hetzt Polizei auf kritischen Abiturienten

Wie lang und ausfallend muss die Rede eines Schülers auf seinem Abi-Ball sein, damit der Schulleiter sich genötigt sieht, den Abiturienten bei der Polizei wegen übler Nachrede anzuzeigen?

Antwort: Wenn der Schulleiter eine dünne Haut hat, reicht schon eine kurze, sachliche und mit etwas augenzwinkerndem Humor vorgetragene Kritik.

Denn mehr als das waren die knapp drei Minuten Abschiedsworte von Fiete K. nun wirklich nicht.

Oder können Sie in folgendem Mitschnitt einen Grund entdecken, warum dem Direktor keine andere Wahl blieb, als einem Teenager  die Staatsmacht auf den Hals zu hetzen? Ich nicht, wirkt im Kontext Abi-Rede eher harmlos. Fietes Hauptkritik: Hohe Fluktuation unter den Lehrkräften und seitens der Schulleitung ein Mangel an Respekt im Umgang mit den Schülern.

Das Schulleiter Gerald S. darin einen Fall für die Polizei sieht, kann ich mir nur so erklären:

Gerald S. versteht anscheinend nicht, dass ein guter Ruf verdient werden muss. Und nicht etwas ist, auf das man qua Amt oder Alter einen automatischen Anspruch hätte, unabhängig vom eigenen Verhalten. Und ihm scheint auch nicht klar zu sein, dass die eigene Reputation weniger von geäußerter Kritik geprägt wird, als davon, wie man darauf reagiert.

Eine souveräne Antwort, mit der er seine Reputation sogar hätte stärken können, wäre zum Beispiel gewesen:

„Danke für die ehrlichen Worte. Ich werde mir Ihre Kritik zu Herzen nehmen. Und ich freue mich zu sehen, dass Sie unsere Schule offensichtlich als kritisch denkender, selbständiger und verantwortungsbewusster Absolvent verlassen, der nicht nur eine eigene Meinung entwickelt, sondern sich auch nicht scheut, diese öffentlich zu vertreten. So schlecht waren wir dann ja doch nicht.“

Die letzten Punkte habe ich dabei nicht einfach so aus der Luft gegriffen. Es handelt sich vielmehr um im Schulgesetz von Mecklenburg-Vorpommern festgelegte Lernziele, zu denen des Weiteren auch gehören, „Konflikte zu erkennen, zu ertragen und sie vernünftig zu lösen“, und die „Ursachen und Gefahren totalitärer und autoritärer Herrschaft zu erkennen, ihnen zu widerstehen und entgegenzuwirken“. Lektionen, die Schulleiter S. selbst anscheinend noch nicht so recht verinnerlicht hat – im Gegensatz zu seinem Schüler.

Doch statt so oder ähnlich Kompetenz, Integrität und Benevolenz zu beweisen, entschied sich Gerald S., seinen Schüler im Nachgang der Feier anzuzeigen. Und hat damit – vorhersehbar – den Streisand-Effekt ausgelöst: Der Versuch, den Schüler per Overkill mundtot zu machen, hat erst wirklich Aufmerksamkeit auf den Fall gelenkt – und dafür gesorgt, dass noch weitere Leichen aus dem Keller von Gerald S. in der Öffentlichkeit auftauchen.

Denn während der Schulleiter sich auf eine peinliche Außer-dass-das-alles-nicht-stimmt-was-der-Schüler-da-quatscht-sage-ich-nix-von-wegen-laufendes-Verfahren-Position zurückzieht, äußern sich viele Zeugen, die Fiete K.s Kritikpunkte bestätigen. Darunter der Bürgermeister des kleinen Ostseebades, in dem die von Gerald S. (noch) geleitete Privatschule steht, dpa berichtet:

„«Wir haben von Schülern, Eltern und Lehrern gleichlautende Berichte über die inneren Zustände an der Schule gehört.» […]. Allerdings gäbe es dann immer den Hinweis «Halten Sie uns bloß raus, bitte keine Namen nennen.». Dass die Schule und ihr Träger schnell mit juristischen Schritten unterwegs seien, habe die Gemeinde schon öfters erlebt. [… Der Bürgermeister] macht klar, dass es nicht nur ein Schüler sei, der diese Meinung geäußert hat. «Man bekommt doch ernste Bedenken, wenn das von vielen Seiten bestätigt wird.» […] Er berichtet von einer früheren Elterninitiative, die die Vorgänge aufgegriffen habe. «Am Ende hat die aufgegeben. Die Schüler wurden an andere Schulen geschickt.».“

Während der Schulleiter – wie schon andere vor ihm – als beleidigte Leberwurst seine Reputation systematisch selbst zerlegt hat, hat die Geschichte dennoch ein Happy End: Der in Majestätsbeleidigung erfahrene Moderator Jan Böhmermann bot Fiete K. umgehend per Twitter ein Praktikum in seinem neuen ZDF-Magazin Royale an, dass dieser im Winter antreten wird. Damit schafft es die Geschichte vermutlich sogar noch ins deutsche Fernsehen. Herzlichen Glückwunsch!

 

Roland Heintze
www.reputationzweinull.de

 

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